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  • Kurtisane de Sade

In Sachen Bücher: Die Stadt der Blinden

José Saramago hat mit seinem Buch „Die Stadt der Blinden“ (erschienen 2015) ein interessantes Buch geschaffen. Es hat was von einer Zombie-Apokalypse mit lebenden und noch des Denkens fähiger Menschen.


Ein Mann wartet im Auto an der Ampel darauf, dass sie grünes Signal gibt. Plötzlich erblindet der Mann. Hinter ihm hupen genervt die Autos, bis die Fahrer bemerken, es stimmt etwas nicht. Sie geleiten ihn in seiner Hilflosigkeit zu einem nahegelegenen Augenarzt. Der untersucht den ungewöhnlichen Fall impulsiver Blindheit, kann aber nichts feststellen. Merkwürdig findet er, dass der Blinde von einem weißen Nebel berichtet, seine Blindheit ist nicht wie üblich einfach schwarz. Derweil der Blinde in seinem Auto von einem hilfsbereiten Menschen nach Hause gebracht wird und nicht sehen kann, dass dieser ihm das Auto stiehlt, während er auf seine Frau wartet, konsultiert der Augenarzt nach Schließung der Praxis abends im eigenen Zuhause seine medizinischen Fachbücher, um dort vielleicht auf eine Antwort für die plötzlich einsetzende Erblindung zu stoßen, als er auf das Buch schauend von derselben Blindheit ereilt wird.

Überall in der Stadt werden weitere Fälle der plötzlich einsetzenden Erblindung bekannt, woraufhin die Regierung beschließt die Ausbreitung der offensichtlichen Epedemie, die nur das Weiße Übel genannt wird, damit einzudämmen, dass alle Erblindeten in eine Internierung verbracht werden, die in einer ehemaligen Irrenanstalt eingerichtet wird. Wie passend der Spielort der früheren Irrenanstalt ist, zeigt sich bei voranschreitender Geschichte aufs schreckliche Weise.

Auch der erblindete Augenarzt soll interniert werden. Seine Frau packt eine Tasche mit Kleidung und Hygieneartikeln und bringt ihren Mann in die ehemalige Irrenanstalt. Kurz bevor die beiden getrennt werden sollen, behauptet die Frau, sie sei auch gerade in diesem Moment erblindet. Sie vertraut ihrem Mann an, dass sie sehen kann, aber sie würde ihn nie allein lassen.

Zunächst sind wenige Menschen im Internierungslager, das vom Militär bewacht wird. Die ersten Menschen, die dort untergebracht werden, begleiten den Leser, der das Geschehen durch die Augen der Frau des Arztes wahrnimmt, künftig durch die Geschichte. Auch der erste Blinde und der Dieb seines Wagens treffen hier wieder aufeinander, wodurch die ersten Reibungspunkte zwischen den Menschen entstehen.

So schnell wie die Stadt vom Weißen Übel ereilt wird, so füllt sich auch die Irrenanstalt, und bald gibt es Streit um die längst nicht mehr für alle Insassen ausreichenden Lebensmittelrationen. Mit dem Augenlicht scheinen die Menschen auch ihre Fähigkeit verloren zu haben ihre Nächsten zu sehen und zu achten. Zusätzlich zur Nahrungsmittelknappheit verdreckt das Gebäude zunehmend durch die Hinterlassenschaften der Internierten, wenn sie die Toiletten nicht finden. Es ist ein einziges Chaos.

Die Situation des Zusammenlebens verschlimmert sich als eine kleine Grupper Blinder im Besitz einer Pistole aus einem anderen Flügel des Gebäudes die täglichen Lieferungen an sich reißt im Austausch gegen Wertgegenstände und Dienstbarkeiten. Schließlich eskaliert die Situation, und als die Blinden notgedrungen nach draußen auf das Gelände vordringen, stellen sie fest, dass das Militär verschwunden ist. Unter der Führung der Frau des Arztes macht sich eine kleine Gruppe von Blinden auf den Weg zurück in die Stadt, die teilweise zerstört ist und auf deren Straßen Menschen hausen, die den Weg nicht zurück in ihre Wohnungen finden. Die Frage ist, wie sie künftig leben und überleben wollen unter diesen Bedingungen.


Die ganze Geschichte ist roh betrachtet sehr anonym und herzlos: Ihre Handelnden werden nie mit Namen genannt, ihnen werden Beschreibungen zugeordnet wie die Frau mit der dunklen Brille, der erste Blinde etc. Auch gibt es unglaublich lange Sätze, die ohne wörtliche Rede Aussagen verschiedener Personen zusammenwirft, um die Anonymität der Betroffenen zu verdeutlichen. Persönlichkeit bekommt die Geschichte erst durch die Handelnden selbst, mit der einzig sehenden Person im Zentrum als Zeugin von Gut und Böse. Ihrer Sehkraft beraubt sehen die erblindeten Menschen nicht mehr die Nächststehenden vor sich, aber sie scheinen auch innere Herzlichkeit auszublenden. Jeder ist sich selbst der Nächste in einer Welt, in der es keine sehenden Zeugen für das eigene Verbrechen gibt. Um die Frau des Arztes herum scharen sich diejenigen, die sich umeinander kümmern.

Ob es die Intention des Autors war, dass auch der Leser die nicht der Gruppe um die Frau des Arztes zugehörigen Blinden, welche beispielsweise die verwahrloste Stadt bevölkern, als homogene Masse ohne Individuen wahrnimmt, bleibt zu spekulieren. Für mich hatte dieses Buch etwas von einer Endzeitstimmung fünf Minuten vor Ablaufen der Uhr, das mit einem Fingerzeig dazu einlädt sich selbst unter die Lupe zu nehmen und den Fokus der Welt nicht immer allein bei uns zu sehen. Es war ein erwähnenswerter Lesegenuss abseits meiner üblichen Lektüren.

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