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  • Kurtisane de Sade

In Sachen Bücher: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten

Alice Hasters ist Journalistin, Autorin und Podcasterin. Sie ist auch die Tochter eines deutschen Vaters und einer US-amerikanischen Mutter. Als afrodeutsche PoC (Person of Colour) erlebte sie von Kindheit an (Alltags-)Rassismuserfahrungen, die sie auch heute in ihrem Erwachsenenleben noch erfährt. Sie beschreibt in lockerer und assoziativer Sprache geduldig aber doch auch eindringlich wie Alltagsrassismus ihr Leben in Deutschland prägt.


Hasters lässt den Leser an ihrem Leben und ihren Erfahrungen teilhaben. Ihre Kindheit und Jugend verbringt sie im Kölner Stadtteil Nippes, wo sie nahezu die einzige PoC in ihrer Klasse und trotz freundschaftlichen Banden immer wieder auch in eine Außenseiterrolle gesetzt wurde. Ihr elftes Schuljahr verbringt sie bei ihrem Onkel im US-amerikanischen Philadelphia an einer diversen Schule, an der sie erstmals in eine Vielzahl von PoC eintaucht. Dort wird sie erstmals mit den erlebten Unterschieden in der Hautfarbe von PoC gibt, dass eine hellere Hautfarbe bei Schwarzen höher gewertschätzt wird als ein sattdunkler Taint.Alice Hasters gibt dem Leser aber nicht nur Einblicke in ihre eigene Biographie, auch eine geistige und historische Aufarbeitung bietet sie. Cultural Appropriation, Modern White Saviorism, Othering, Eurozentrismus und kulturelle Aneignung sind nur einige Stichworte, die dem Leser auf seinem Weg durch dieses Buch begleiten werden. Denker wie Hegel und Kant werden zwar philosophisch viel zitiert, über deren rassistische Weltanschauungen liest man jedoch gemeinhin nichts. Auch auf die Ausmaße deutschen Kolonialismus geht Hasters ein, ihr Buch enthält zum Beispiel die dunklen Kapitel der "Maafa", dem Genozid an Afrikanern im 19. und 20. Jahrhundert, und den Nachwirkungen dieses Kolonialismus bis heute.

Weitere Inhalte ihres Buches sind die Bereiche des Körpers, klar, denn Rasissmus gebiert sich stets zunächst an Äußerlichkeiten. Den Beginn dieser Inhalte bildet Hasters Erlebnis vor der Toilette einer Discothek, als eine fremde weiße Frau ihr ungefragt in die Haare fasst. In diesem Kapitel geht sie auch auf abwertenden gegenderten Rassismus ein, dem auch hochdotierte Sportlerinnen wie Serena Williams regelmäßig ausgesetzt werden.Ein besonderes Kapitel war für mich der fiktive Brief an ihren neuen weißen Freund, der beleuchtet wie konfliktbehaftet es sein kann, wenn einer der Partner Rassismuserfahrungen macht, die der andere nicht kennt, was unweigerlich in den meisten Fällen zu dem Scheitern einer Beziehung führen kann.

Auch wenn ich mich selbst nicht als rassistischen Menschen betrachtet hätte, hat dieses Buch mich doch aus einer Blase geholt und mir meine weißen Privilegien aufgezeigt. Ich habe den Wunsch mehr zu reflektieren und mir genau solcher Ungerechtigkeiten bewusst sein, um einen Teil in meinem eigenen Alltag dazu beizutragen angemessen zu handeln. Das Lesen von Alice Hasters Buch hat mich sehr bereichert, denn sich mit dem eigenen Rassismus zu konfrontieren (für so klein man ihn auch hält), ist der einzige Weg ihn zu überwinden. Alice Hasters Themen in diesem Buch sind letztlich jedoch immer ausschließlich Wege, die jeder Leser gehen kann, um sein Ziel zu erreichen. Soll heißen: Sie gibt keine Lösungsvorschläge à la "Mache es so-und-so, damit du nicht mehr rassistisch bist". Mitdenken und immerwährende Reflexion sind weiterhin gefragt.


Im gleichen Atemzuge zu dieser Buchempfehlung möchte ich die auf Netflix aktuell ausgestrahlte Serie Dear White People wärmstens empfehlen.



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